Heilige Taufe 45
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Stunde Null: Blick auf das zerstörte Rostock von der Wollenweberstraße auf die Marienkirche, an der Dr. Jens Langer Jahrzehnte später Pastor war. (Foto: Gerhard Weber)
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Am Sonntag, dem 8. Mai, ist es 66 Jahre her, dass das „Dritte Reich“ unterging und damit in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende war. Für die einen war es eine Katastrophe, für andere die langersehnte Befreiung. Dass dieser Tag etwas mit seiner Taufe zu tun hatte, die ein halbes Jahr später stattfand, begriff der Rostocker Jens Langer erst nach vielen Jahren:
Als ich getauft wurde, war ich schon nicht mehr wie die neugeborenen Kindlein (quasimodo geniti), sondern reichlich sechs Jahre alt. Das war 1945 in Rostock, und ich hörte als der Junge, der ich damals war, meine Großmutter zu meiner Mutter sagen: „Du kannst die Kinder jetzt taufen lassen. Die Nazis sind ja weg, und die Russen sollen auch etwas für das Christliche sein.“
Bisher hatte ich nur eine Russin gekannt: Maria. Die Studentin mit den blonden Zöpfen nächtigte in einer Kammer bei der Futterküche auf einem mecklenburgischen Bauernhof. Als wir 1944 ohne unseren Vater dorthin evakuiert worden waren, hatte meine Mutter dieses Quartier abgelehnt. Noch im Herbst lief Maria barfuß und trieb die Gänse. Ich kannte die Märchengestalt, die zu meinen Beobachtungen passte.
„Wenn meine Mutter mich hier sehen könnte, würde sie weinen“, klagte sie auf Deutsch meiner Mutter, „wir sind zu Hause einmal im Monat ins Theater gegangen.“ Als die Front näher rückte – so wurde damals gesprochen – besänftigte Maria die Angst der deutschen Frau: „Aber was denken Sie! Meine Brüder sind kulturvolle Menschen.“ Das war zu der Zeit, als der Bauer uns den Baum zeigte, an dem er sich aufhängen wollte, wenn Hitler den Krieg verlöre.
Widerspruch & Geborgenheit
Als Marias Brüder kamen, wandten diese gegen sie Gewalt an. In der Sowjetunion wurde sie in ein Internierungslager gebracht. Nachdem sie daraus entlassen worden war, soll sie dem Bauern geschrieben haben, wie schön es in Deutschland gewesen sei.
Meine Großmutter erzählte jetzt von Russen, zu denen Maria gehörte. Ich sah einmal an der Kaserne einen Panjewagen, auf dem ein russischer Soldat aufgebahrt lag, anzusehen wie eine Ikone. Andere Beobachtungen widersprachen den Worten meiner Großmutter. Diese hatte bei Vater und Mutter schon früher für Aufregung gesorgt, wenn sie bei Luftangriffen nicht mit uns in den Bunker floh, vielmehr nachts im Bett liegen blieb und zur Begründung sonderliche Reden führte: „Wenn unser Herrgott will, bin ich auch hier im Hause geschützt ....“ Kamen wir nach Stunden zurück, sagte sie schläfrig: „Seht ihr, ich hab‘s ja gesagt...“
Vernetzt in Gottes Geschichte
Das Wort „Gott“ drückte in solchem Zusammenhang Widerspruchsgeist aus, während ich in den Gebeten, die meine Mutter uns zu derselben Zeit lehrte, eher Ängstlichkeit und Geborgenheit spürte.
Nach einigen organisatorischen Verzögerungen fand die Taufe schließlich am 14. November 1945 im Amtszimmer des Pastors Hans Brackebusch von der Heiligen-Geist- Kirche statt, weil der neugotische Sakralbau noch unter einem Bombentreffer litt, und es „hier nicht so kühl für die beiden Kleinen und auch persönlicher“ ist, lautete nach meiner Erinnerung sinngemäß die Erklärung für den Ortswechsel.
An jenem 14. November 1945, einem Wochentag, begann für meine Schwester und mich persönlich die Vernetzung mit der jüdisch-christlichen Geschichte und setzte sich für meine Familie fort. Mir, der ich die Angelegenheit wenig festlich fand – ich hatte mich auf das mir unbekannte Kirchengebäude gefreut – und auch meiner jüngeren Schwester, war der Vorgang fremd und neu. Für uns alle ging es – bei unterschiedlichen Vorstellungen der Beteiligten – einfach um die TAUFE. Sie drückte die bisherige Vernetzung ebenso aus wie den Anstoß zu einem neuen Vorgang, der mit dem Datum begann und unter anderen Bedingungen stattfand und fortgeführt wurde, als die Erwachsenen sie kennengelernt hatten.
Unausweichlichem gebeugt
Dass es dazu im November kommen würde, ließ sich im Mai desselben Jahres überhaupt noch nicht absehen. Am 1. Mai 1945 nämlich saßen meine Eltern, die kleine Schwester (mein Bruder war noch bei Wencks Kinder-Armee), meine Großmutter und zwei der Familie verbundene Frauen in der Wohnung meiner Großmutter, die sich neben der unseren befand. Es war nach meiner Erinnerung ein später Nachmittag oder früher Abend. Es musste eine Nachricht bekannt geworden sein, dass der Krieg verloren sei für die Deutschen.
Mir war das Ende dieses Geschehens nicht unsympathisch, nahm ich doch an, mit diesem Ergebnis hätte es dann auch mit den Luftangriffen und der Flucht in die überfüllten, sauerstoffarmen Bunker sein Bewenden gehabt. Die Stimmung war gedrückt. Alle warteten gespannt auf eine Meldung per Drahtfunk aus dem Radio. Auf welche, wusste ich nicht. Ob die, die dann gesprochen wurde, die erwartete Nachricht war, weiß ich nicht. Eine männliche Stimme teilte verbrämt etwas über die aussichtslose Lage der deutschen Verteidiger mit und schloss, dass aufgrund der Verhältnisse die Sendung unterbrochen werden müsse. „Wir melden uns demnächst wieder!“ Dabei ist es geblieben.
Das Telefon meiner Großmutter schrillte noch einmal, jemand nahm den Hörer ab. Es meldete sich am anderen Ende niemand. In die Stille sagte meine Mutter: „Jetzt kommen gleich die Russen herein und schneiden den Kindern die Kehle durch!“ Mein Vater protestierte. Eine unendliche Traurigkeit befiel mich. Ich konnte keinen Grund für das Ende meines Atems und unserer Spiele, meiner Freude am Leben erkennen. Ich beugte mich aber innerlich dem Unausweichlichem.
Christus – das Wort Gottes
Dieser ausgebliebenen Möglichkeit gegenüber war die Situation am 14. November ganz anders – sogenanntes normales Leben. 1984 aus Anlass der fünfzigsten Wiederkehr des Tages, an dem die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet worden war, erfuhr ich erschrocken mit innerer Klarheit, dass – abgekürzt gesprochen – unser 1. Mai und der offizielle 8. Mai 1945 überhaupt erst meinen 14. November ermöglicht hatten. Bei einem anderen Ausgang wäre ich unter einem destruktiven Kreuz zerstörerischen Hochmuts erzogen worden, unter einem Diktator, der den letzten Juden am Talar des letzten Pfaffen aufhängen wollte.
Das wurde mir fast vierzig Jahre nach dem Mai der Kapitulation des Systems klar, als ich in der Barmer Erklärung las, was ich schon des Öfteren gelesen hatte: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“
Für die Erwachsenen bedeutete die Feier des Sakraments auch Hoffnung auf die Rückkehr eines kirchlichen Alltags, den ich nie mehr so erleben sollte, wie sie ihn gekannt hatten. Denn hier lag der Anfang von Konfliktpotential um mich herum und in mir für kommende Jahrzehnte. Wie Maria Magdalena und die andere Maria (Matthäus 28,1) die Botschaft vom auferstandenen Jesus zu den Jüngern gebracht hatten, so führten Anna und Paula, zwei Rostocker Frauen, meine Schwester und mich in die Einflusssphäre dieser Botschaft.
Quelle des aufrechten Gangs
Im Taufregister ist davon natürlich nichts zu spüren. Ich fand vor Jahren weder Taufspruch noch Paten angegeben. Aber ich habe die Heilige Taufe immer als aufregend empfunden, Verknüpfung mit dem Ursprung des Lebens und Quelle von Widerspruch und aufrechtem Gang. Als unser Enkel Noah vor Jahren fern von den Großeltern hinter den balkanischen Wäldern in einer Bauernstube die Heilige Taufe empfing, wusste ich aus meinen Erfahrungen für ihn und uns: Die Parteisekretäre sind weg, die Propagandisten der Partywelt wollen neuen Konformismus schaffen.
Gott kommt in der Heiligen Taufe in die Tiefen des Lebens und die Abgründe unserer Existenz wie der Steiger ins Dunkel des Bergwerks. Er bringt Licht in die Angelegenheit. Ich beobachtete, dass die Bauern im Gottesdienst das so ähnlich sahen; denn sie lächelten sehr freundlich (Kirchenzeitung Nr. 3 Seite 3 vom 23. Januar).

