Ein Fest mit sieben Taufen
Kinder und Erwachsene aus drei verschiedenen Gemeinden wurden am Sonntag in Mönkebude getauft
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Für Evelyn Wengel-Lehmann aus Gartz an der Oder war die Taufe der Entschluss, sich endlich unter Gottes Schutz zu stellen. Pfarrer Rainer Schild aus Leopoldshagen taufte sie. (Fotos: Sybille Marx)
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Es war das erste Großtauffest in Mecklenburg-Vorpommern: Täuflinge
aus drei verschiedenen Gemeinden wurden am Sonntag in Mönkebude
mit Wasser aus der Uecker und anderen Flüssen und Seen der Region
getauft. Die Pfarrer des Kirchenkreises Pasewalk hatten sich von der
Pommerschen Landeskirche dazu inspirieren lassen, den klassischen
Mönkebuder Zeltgottesdienst in ein Tauffest für den gesamten Kirchenkreis
umzuwandeln. Ein Experiment im „Ja(hr) zur Taufe“.
Beim vorletzten Täufling fällt Pfarrer Rainer Schild plötzlich ein, dass er die Tauben vergessen hat – diese weißen Holztauben, auf denen die Namen der sieben Täuflinge stehen – als Symbol für den Heiligen Geist, der sich auf sie legen soll. Schnell dreht sich Schild zum Bühnenpodest um, kommt mit schwingendem Talar und einem Knäul aus Holzgebilden und Schnüren wieder ans Taufbecken. „So, wo ist nun deine Taube…“ murmelt er ins Mikrophon, während die 8-jährige Friederike wartend zu ihm hochguckt.
Reisebusse bringen Besucher aus zahlreichen Dörfern her
Sieben Kinder und Erwachsene, die alle in einem Gottesdienst getauft werden, denen man Kerze, Taube, Buch und Urkunde überreichen muss – allein organisatorisch eine ungewohnte Situation für Pfarrer Rainer Schild aus Leopoldshagen und seine Kollegin Helga Warnke aus Pasewalk.
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Am Ortseingang Mönkebude werden Besucher auf das Hafen- und Strandfest hingewiesen.
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Sie übernimmt einen Teil der Taufen bei diesem Festgottesdienst in Mönkebude am Stettiner Haff. Mönkebude ist ein „staatlich anerkannter Erholungsort“ am Wasser, doch den Gottesdienst haben die Veranstalter in ein weißes Plastikzelt verlegt. Hier drin steht die Luft. Rund 500 Besucher drängen sich auf Bierbänken, ein Kirchenchor und ein Posaunenchor haben sich auf Stühlen rechts und links vom Taufbecken postiert. Rainer Schild und Helga Warnke tragen Mikroports über dem Talar, damit sie in diesem Trubel und ohne den Hall von steinernen Wänden überhaupt zu verstehen sind.
Für sie und ihre Pfarrkollegen aus dem Kirchenkreis Pasewalk ist es das erste Großtauffest: der erste Gottesdienst, bei dem Kinder und Erwachsene aus verschiedenen Gemeinden des Kreises zusammen in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen werden. „Als wir von der Landeskirche gebeten wurden, uns mit mindestens einer Aktion am ,Jahr zur Taufe‘ zu beteiligen, kamen wir auf die Idee, den Mönkebuder Zeltgottesdienst mit Taufen zu verbinden“, wird der Zerrenthiner Pfarrer Matthias Bohl später erklären. Schon räumlich eine aufwändige Sache, der Pasewalker Kirchenkreis ist groß: Zwischen Leopoldshagen im Norden und Blumberg im Süden liegen fast 90 Kilometer. Reisebusse haben viele der älteren Festbesucher aus den entlegenen Dörfern hergebracht; auch mehrere Chöre aus der Region, eine Junge Gemeinde und die Band „Stop and Go“ aus dem 38 Kilometer entfernten Pasewalk sind nach Mönkebude gereist, um den Gottesdienst zu einem modernen Glaubensfest werden zu lassen.
„Mama, warum bin ich eigentlich nicht getauft?“
Die 8-jährige Friederike Wendt aus Pasewalk steht mit ihren Eltern, der Schwester und den Taufpaten noch immer vorne am Taufbecken. Die Augenbrauen hat sie sorgenvoll zusammen gezogen, ihr Mund ist ein Strich. Freut sie sich gar nicht? „Sie war nur aufgeregt – wegen der vielen Leute.“ sagt Friederikes Mutter Anja Wendt nachher. Die Idee, sich endlich taufen zu lassen, sei durchaus von ihrer Tochter gekommen. „Friederike geht zum Religionsunterricht und hat mich irgendwann gefragt: Mama, warum bin ich eigentlich nicht getauft?“ Seit Rudolf Dibbern Pasewalk verlassen hatte – jener Pfarrer, der Anja Wendt und ihren Mann als Erwachsene getauft und getraut hatte – fehlte den Wendts erst ein vertrauter Prediger, dann die passende Gelegenheit, erzählt die Mutter. Das Tauffest war für sie der nötige Anstoß von außen. „Und ich hab mir das sofort gut vorstellen können: eine Taufe in der Ostsee, vielleicht mit drei Mal untertauchen wie beim Neptunsfest oder so….“
Von der Ostsee ist hier im Festzelt am Mönkebuder Hafen allerdings nichts zu sehen. Durch die Plastikfenster blickt man auf Imbissbuden, Biergarnituren und Transporter, der Strand und die Segelboote liegen versteckt dahinter.
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Kirchenälteste und Pfarrer aus dem gesamten Kirchenkreis brachten Wasser aus Oder, Uecker und kleineren Gewässern ihrer Region mit.
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Doch mit Wasser aus der Region werden die Täuflinge durchaus berührt: Bevor Schild und Warnke mit der eigentlichen Taufzeremonie beginnen, lassen sie Pfarrer, Kirchenälteste und Ehrenamtliche aus dem gesamten Kirchenkreis ans Taufbecken treten; sogar aus der brandenburgischen Uckermark, dem südlichsten Zipfel der Pommerschen Kirche.
Mit Plastikflaschen und Kännchen gießen die Delegierten nacheinander Wasser in das aquariumartige Glasbecken, nennen feierlich die Namen der Flüsse, aus denen es stammt: die Uecker, die Oder und kleinere. Grün schwappt das Wasser, ein Blatt ist mit hineingerutscht. „Da ist ja ein Fisch drin!“, ruft ein kleiner Junge.
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Pfarrer Martin Wiesenberg hielt mit Handpuppe „Perlmutt“ eine Predigt über das Himmelreich.
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„So ein Tauffest ist nicht für jeden was.“
Nach insgesamt über einer Stunde, nach Predigt mit Handpuppe, einem Anspiel der Jungen Gemeinde, Liedern von Chor und Band, ist der Gottesdienst schließlich vorbei. Der Zerrenthiner Pfarrer Matthias Bohl, der am Ende den Segen gesprochen hat, steht in der Nähe des Eingangs und spricht zwischen Imbissbuden und Zelt ein paar ehrliche Worte. „So ein Tauffest ist nicht für jeden was“, sagt er. Dass sich so viele Gemeindeglieder aus dem Kreis aufgemacht hätten, sei beeindruckend, und unter dem Strich war es ein fröhliches Fest. „Aber ich hatte in meiner Gemeinde auch Leute angesprochen und gefragt, ob sie sich hier taufen lassen möchten, und die haben alle gesagt: Nee, wenn, dann in meiner Heimatgemeinde!“ Je stärker jemand in einer Gemeinde schon verwurzelt sei, desto weniger komme so eine Taufe außerhalb für ihn in Frage, glaubt Bohl.
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Das Festzelt war bis auf den letzten Platz mit den sieben Tauffamilien, mit Chören und weiteren Gottesdienstbesuchern besetzt.
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„Ich hatte immer das Gefühl: Ganz gehörst du nicht dazu.“
Die schlanke Evelyn Wengel-Lehmann aus Gartz an der Oder sucht im Gewühl gerade einen Sitzplatz. Ursprünglich wollte auch sie sich in ihrer Heimatkirche taufen lassen, in Gartz an der Oder, erzählt die 49-Jährige. Als sie gefragt wurde, ob sie für die Taufe auch nach Mönkebude kommen würde, war sie aber schnell einverstanden. „Ich habe vorher noch mit Pfarrer Schild telefoniert und fand ihn sehr nett“, sagt Evelyn Wengel-Lehmann. „Deshalb war es für mich okay, dass er mich tauft.“ Aufgeregt sei sie dann nicht wegen der Menschenmassen gewesen, sondern deshalb, weil endlich der Tag ihrer Entscheidung anstand. Zu DDR-Zeiten wurden nur Ihre älteren Schwestern getauft. Sie selbst hatte als Kind kaum Kontakt zur Kirche. Erst seit 1989, seit einem Kirchentag in Gartz, näherte sie sich dem Glauben langsam an, über Gottesdienste und viele Gespräche mit einer Freundin. „Aber ich hatte immer das Gefühl, so ganz gehörst du noch nicht dazu. Und das hat mir jetzt nicht mehr gefallen“, sagt sie. Außerdem habe sie in den vergangenen Jahren viel Schlimmes erlebt. „Dass Gott seine Hand auf mich legt – das hab ich jetzt gebraucht.“
Sybille Marx





