Taufe – Gottes Gütesiegel für den Menschen
Vortrag am 12. März 2011 im Bibelzentrum Barth.
Von Folkert Fendler, Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst
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Folkert Fendler, Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst
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Im August soll ich das Kind der früheren Babysitterin unserer drei Söhne taufen.
Sie ist Mitglied der Kirche und jetzt Ende zwanzig. Die Taufe ist für sie selbstverständlich.
Ihr Mann hat Philosophie studiert. Er arbeitet jetzt als Unternehmensberater.
Er ist getauft, konfirmiert – das volle Programm, wie er sagt – und dann höchst bewusst aus der Kirche ausgetreten. Folglich steht er der Kirche kritisch, aber auch neugierig-aufgeschlossen gegenüber. Vor einiger Zeit traf ich mich mit ihnen und ihrem kleinen Nick zum Kaffee. Es war noch nicht das
Taufgespräch. Aber er wollte das Thema unbedingt schon einmal darauf bringen.
Und so stellte er die grundlegende Frage: Was soll die Taufe? Was ist im
Sinne des Qualitätsthemas – er weiß um meine derzeitige Tätigkeit – das Wesen der Taufe, was sind seine unverzichtbaren Elemente?
Das kam einigermaßen unvermittelt. Ich hatte gehofft, mich für diesen anspruchsvollen Gesprächspartner ein bisschen vorbereiten zu können. Mir wurde ein wenig heiß und so beeilte ich mich zu sagen, dass die unverzichtbaren Elemente in jedem Fall seien: Das Wasser und das Wort: „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ So wie Luther eben die Kennzeichen evangelischer Sakramente definiert hat. Ein biblisches Einsetzungswort muss es geben und ein dazugehöriges Zeichen. An der Nottaufe könne man das ablesen, da sei das Sakrament auf seinen unverzichtbaren Kern reduziert. Vielleicht noch ein Vaterunser – wenn die Zeit noch reicht.
Einigermaßen erleichtert, dass mir gelungen war, zumindest eine relativ klare,
knappe Antwort auf die Frage der wesentlichen Elemente zu geben, wurde ich
mutiger und holte ein wenig aus. „Die Taufe ist eigentlich ein Initiationsritus.
D.h. der Mensch wird durch einen rituellen Akt Teil einer schon bestehenden
Gemeinschaft.“ Das fand der Taufvater spontan einleuchtend und konnte sich
das für sein Kind, das immerhin in einer christlichen Gesellschaft groß werden
würde, gut vorstellen. „Welche Initiationsriten gibt es eigentlich in den anderen Religionen?“, wollte er wissen. – „Äh, - also die Juden kennen die Beschneidung und für die Jugendlichen die Bar Mizba, das öffentliche Vorlesen im Gottesdienst“, fiel mir gerade noch ein, aber schon auf seine Nachfrage, wie es im Islam sei, musste ich passen. Dank Wikipedia war die Antwort aber schnell nachgeholt: es gibt tatsächlich keinen vergleichbaren Ritus im Islam. Wohl aber lernten wir über die Initiation im Hinduismus und Buddhismus. Im Hinduismus legen die Jungen der höheren Kasten zum Zeitpunkt der Pubertät feierlich eine Heilige Schnur um, die sie fortan tragen. Sie symbolisiert die Nabelschnur einer zweiten Geburt, die sie mit den religiösen Lehren verbindet. Im Buddhismus gibt es nur Initiationen für Männer, die Mönche werden wollen.
„Die erste Erwähnung der Taufe in der Bibel“, versuchte ich nun das Thema
wieder in christliche Bahnen zu lenken, „ist die Taufe Jesu durch Johannes den
Täufer, die in den Evangelien erzählt wird. Johannes war ein asketischer Bußprediger, der seine Zuhörer mit Leidenschaft beschimpfen konnte. „Ihr Schlangenbrut, Gottes Zorn wird euch ereilen. Ihr denkt, nur weil ihr Juden seid, seid ihr auf der sicheren Seite. Ihr kennt Gott nicht, der die Axt den Bäumen schon an die Wurzel gelegt hat und das Feuer schürt, in dem alle Spreu verbrennen wird. Kehrt um und lasst euch taufen!“
Unserer Babysitterin wurde etwas unwohl bei dem Gedanken an so eine Taufe.
Düster erschien ihr die Bußpredigt, die Forderung nach Lebens-Änderung, die
Drohung. Unser Philosoph aber lächelte. Ihm gefiel der Ernst dieser Taufe. Das hätte er nicht erwartet. „Freilich“, musste ich ihn sogleich enttäuschen, „ist diese Form der Taufe, selbst wenn Jesus sich ihr unterzogen hat, nicht zum Modell christlicher Taufe schlechthin geworden. Von einer frühen christlichen Taufe erzählt Lukas in der Apostelgeschichte. Sie ist nicht das Ergebnis mahnender Bedrohung, sondern die Folge einer Glaubensunterweisung mit anschließender Bekehrung. Der Finanzminister
des damaligen Äthiopien war es, der diese Bekehrung erlebt uns sich hat taufen lassen – gewissermaßen als Bestätigung und Bekenntnis seines
neuen Glaubens. Sein Gesprächspartner, der ihn überzeugt hatte, zugleich sein Täufer, war der Apostel Philippus. Taufe als Antwort des Glaubens.
Der Taufvater-Philosoph war natürlich nicht auf den Kopf gefallen und erwiderte sofort: „Du kannst mir nicht erzählen, dass das die evangelische Tauflehre ist. Wie soll denn unser kleiner Nick seinen Glauben bekennen. Er kann ja noch nicht einmal sprechen.“ Da hatte er einen heiklen Punkt getroffen, eine Diskussion seit dem 4. Jahrhundert nach Christus. Bis dahin waren ja fast ausschließlich Erwachsenentaufen üblich gewesen. Wie auch sonst? Gab es doch noch kaum Christen. Dann aber, nachdem das Christentum vom Verfolgerstatus in den einer etablierten, staatlich anerkannten Religion geraten war, kippte das ziemlich schnell, Kindertaufen wurden zur Regel.
„Stellt euch vor“, erzählte ich zunächst den Taufeltern, „euer Nick wäre im dritten Jahrhundert nach Christus getauft worden. Von der Anmeldung der Taufe bis zur Taufe selbst hätte er locker vier Jahre, mindestens aber drei rechnen müssen. Er wäre natürlich schon erwachsen gewesen und hätte sich für die christliche Religion interessiert. Zunächst hätte er Bürgen gebraucht, die ihn als Bewerber vorschlugen, die bezeugen könnten, dass er ein moralisch einwandfreies Leben führte. Wurzeln des Patenamtes. Vorbei wäre es mit der freien Berufswahl gewesen. Schauspieler oder Soldat zu werden, hätte er vergessen können, Maler und Bildhauer nur mit der Einschränkung, keine Götzen abzubilden. Erst dann wäre er in die Liste der Taufbewerber eingetragen worden und die eigentliche Probezeit hätte begonnen. Sie wurde „Katechumenat“ genannt, Zeit der Unterweisung, und dauerte drei Jahre. Zunächst hätte sich Nick in seinem Lebenswandel bewähren müssen: Armen helfen, Kranke besuchen, eben Nächstenliebe praktizieren. Erst nach einiger Zeit hätte er dann die Taufzulassung erhalten und die Glaubensunterweisung hätte begonnen. Sie bestand im Hören des Evangeliums und in zahlreichen Exorzismen, die Nick von allen bösen Geistern befreien sollte. Kurz vor seiner Taufe, die in der Osternacht stattgefunden hätte, hätte der Bischof selbst den Taufbewerber Nick noch einmal gründlich exorziert und seine Reinheit getestet. Schlechtestenfalls wäre er an dieser Stelle noch durchgefallen, ansonsten kam jetzt die abschließende Taufvorbereitung: Am Gründonnerstag sich baden und waschen, am Karfreitag fasten, am Karsamstag der Schlussexorzismus, das Aufsagen des Glaubensbekenntnisses und eine Salbung der Stirn mit dem Zeichen des Kreuzes. Am Ostersonntag früh dann die eigentliche Taufe. Nick hätte seine Kleider ablegen müssen, er wäre am ganzen Körper gesalbt worden, wäre ins Taufbecken gestiegen und dreimal vollständig untergetaucht worden. Anschließend wäre er mit weißen Kleidern angetan worden und der Bischof hätte ihm die Hände aufgelegt, um ihm den Heiligen Geist zuzusprechen. Danach hätte er zum ersten Mal das Abendmahl genommen.“
„Wow“, die beiden Taufeltern wirkten erschlagen, aber auch beeindruckt. „Das
ist ja ein Riesenaufwand, der da getrieben wurde.“ – „Ja, ihr könnt euch vorstellen, dass einer, der eine solche Taufe erlebt hat, das nie wieder vergessen hat. Es war ein großer Einschnitt im Leben. Nicht nur in der Theorie begann für Christen mit der Taufe ein neues Leben.“ – „Waren die damals echt nackt in der Kirche?“, fragte die Taufmutter. – „Das kam drauf an, wo sie wohnten. Die Bräuche haben sich unterschiedlich entwickelt. Manche salbten nur die Stirn, andere den ganzen Körper. Gesalbt wurde vor der Taufe, anderswo aber auch nach der Taufe. Aber da, wo die Ganzkörpersalbung üblich war, wurde die Nacktheit ganz bewusst gedeutet: Man wurde wieder wie Adam und Eva vor dem Sündenfall. Ohne Scham und Schuld vor Gott. Taufe war immer auch Sündenvergebung.“
– „Die Salbung scheint denen früher ja sehr wichtig gewesen zu sein“,
stellte der Taufvater fest. „Von einer Salbung steht aber doch nichts in der Bibel, oder?“ – „Nicht im Zusammenhang mit der Taufe, sonst wohl. Besonders im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist. Man deutete die Salbung als symbolische Beschneidung. Man benutzte ein Salbmesser und wetzte es zeichenhaft an den Fingernägeln. Vor allem aber wurden Könige und Priester gesalbt. Der Täufling wird vor Gott wie ein König geachtet, sein Gottesebenbild wird wiederhergestellt. Die Stirnsalbung war übrigens ein Schutzritus. Man zog die Analogie zu dem Bestreichen der Türpfosten durch Blut kurz vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Diese Maßnahme hatte sie damals vor der zehnten Plage, der Tötung ihre Erstgeburt, bewahrt. – Aber du hast Recht, die Salbung war den Menschen damals wichtig. Dass sie „Christen“ hießen, leiteten sie nicht von Christus ab (das heißt ja auch der zum erwarteten Messias Gesalbte) sondern von dieser Salbung bei der Taufe. Nur wenn der Täufling gesalbt war, war für die Menschen damals die Taufe komplett.“ – „Du sagst immer „Täufling“, schaltete sich die Taufmutter wieder ein, „das klingt irgendwie komisch, spontan muss ich immer an den Teufel denken, so ne Verniedlichungsform davon.“ Sie wiegte ihren Sohn hin und her. „Nick, mein kleiner Täufling.“ Woraufhin dieser erst einmal ein Ladung Muttermilch aufstieß und von sich gab, die sich über seine und ihre Kleidung ergoss. Salbung der anderen Art. „Aber mal ernsthaft, diese Exorzismen die ganze Zeit, das ist ja horrormäßig. Der Pastor als Exorzist. Das machen wir aber bei unserer Taufe nicht.“ Ich schwieg einen Moment. „Ihr werdet´s nicht glauben, aber der Exorzismus, zumindest in Form der Absage an den Teufel war noch bis in die siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts selbstverständlicher Bestandteil der luthersichen Taufagenden. Luther selbst hatte sich noch für den Taufexorzismus stark gemacht, während die Reformierten diesen Brauch von Anfang an strichen. In der Aufklärungszeit fiel er auch in den meisten lutherischen, heute auch in den katholischen Kirchen. Aber man muss sich das mal klarmachen: Die weitaus meiste Zeit der Christenheit gehörte die Teufelsaustreibung bei Taufen dazu.“
„Mich wundert das nicht“, sagte der Taufvater. „Auch religiöse Bräuche sind
immer zeitbedingt. Warum soll die Taufe davon ausgenommen sein? Menschen haben an Teufel und Dämonen geglaubt, also gab es darauf auch religiöse Antworten. Vielleicht war das damals sogar die angesagte medizinische Therapie. Heute würden wir vielleicht eher von psychischen Störungen sprechen.“ – „Du hast Recht, selbst Jesus hat schließlich böse Geister ausgetrieben. Über die Jahrhunderte galten Krankheit und Sünde als Werke des Teufels. Wenn solcher Glaube sich wandelt, wandeln sich auch die Riten, die damit zu tun haben. Der Sache muss das keinen Abbruch tun.“ – „Welche Sache meinst du jetzt?“ – „Nun, dass bei der Taufe etwas Altes aufhört und etwas Neues beginnt. Eigentlich ist es immer wieder nur dies, das durch die verschiedenen Symbolhandlungen gewissermaßen variiert wird. Die alten Kleider werden abgelegt, Symbol der Sünde, neue Kleider werden angezogen, Symbol der Reinheit. Der Mensch taucht vollständig im Wasser unter, er wird förmlich ertränkt, der alte Mensch getötet. Und er taucht wieder auf, wird neu geboren, ersteht wieder vom Tod auf. Die bösen Geister werden ausgetrieben, damit Platz geschaffen wird für den Heiligen Geist, der fortan das Leben des Täuflings bestimmen soll. Das Taufbecken wurde abwechselnd und gleichzeitig als Grab und Mutterschoß interpretiert. Genau dies Motiv hat übrigens schon der Apostel Paulus bemüht. Er hat eine Analogie zum Sterben und Auferstehen mit Christus gesehen. In der Taufe sterben wir wie er und stehen auf zu neuem Leben wie er. Ja mehr noch: Durch die Taufe werden wir in dieses Christusgeschehen hinein genommen, in den Raum seines Heils.“
Es entstand eine Stille. Nick guckte mich mit großen Augen an. Seine Mutter
setzte schließlich an und sagte: „Das ist alles total interessant wie das früher
war, auch wenn ich am Schluss nicht mehr ganz folgen konnte, mit dem „Christusgeschehen“ und dem „Raum des Heils“ und so. Das war ziemlich insidermäßig.
Irgendwie habe ich immer noch das Gefühl, dass das alles für Nick überhaupt
nicht passt. Der ist doch gerade erst geboren worden, warum soll er jetzt schon wieder neu geboren werden. Mir reicht das erste Mal noch. Und auch
wenn Nick manchmal ziemlich nerven kann, wenn er uns nachts aus dem Schlaf reißt, oder wenn wir manchmal nicht wissen, wie wir ihn beruhigen können, selbst dann kann ich nicht glauben, er solle vom Teufel besessen sein. Und was für Sünde soll er denn schon begangen haben? Das setzt doch auch Willen voraus und Bewusstsein.“
Die Taufmutter spürt ziemlich genau, schoss es mir durch den Kopf, dass die
großen Worte und Bilder der Bibel und die starken Bräuche der altkirchlichen
Tradition zur Situation der Kindertaufe nicht recht passen wollten. Ich hätte diese Diskrepanz noch verstärken können, indem ich weitere Symbolhandlungen benannt hätte: das Spucken auf den Teufel, das Anpusten mit dem Heiligen Geist, den Empfang einer kräftigen Backpfeife als Symbol dafür, dass man sich trotz Erniedrigung und Widerständen des Evangeliums nicht schämen müsse, die symbolische Wendung von Westen nach Osten, den sog. Ephata-Brauch, bei dem dem Täufling Ohr und Nase mit dem Speichel des Liturgen bestrichen werden, damit der Teufel auch dort künftig nicht mehr eindringen könne. Weitere Beispiele dafür, wie der Bruch zwischen alt und neu, den die Taufe markierte, symbolisch ausgedeutet wurde. Ich hätte den Taufeltern darlegen können, dass die Erwachsenentaufe über Jahrhunderte das Muster und Maß auch der Kindertaufen gewesen ist. Böse gesagt, dass es seit dem Aufkommen der Kindertaufen bis ins letzte Jahrhundert hinein nicht gelungen war, die Taufliturgie der neuen Situation anzupassen. So kam es zu der liturgisch verkorksten Situation von Pseudodialogen zwischen Priester und stellvertretend antwortendem Paten nach dem Taufbegehren, der Absage an das Böse und dem Glaubensbekenntnis. So kam es zum Gedanken des stellvertretenden
Glaubens. Da versuchte man etwas für Kinder passend zu machen, was sich für Erwachsene entwickelt hatte. Selbst Luther, der viele von den Bräuchen und Symbolen, inklusive Taufkleid und Taufkerze, vom Tisch wischte, hatte an dieser Situation nicht grundlegend etwas geändert. So kam es im Übrigen auch zum Erstarken der Erbsündenlehre. Denn da das Neugeborene offensichtlich noch keine Sünden begangen haben konnte, bemühte man diesen Gedanken stärker: die grundlegende Sündenverfallenheit des Menschen, deren Macht durch die Taufe gebrochen werde. Hatte man sich zu
Zeiten der Erwachsenentaufe noch möglichst spät taufen lassen, am besten auf dem Sterbebett, damit man durch die Sünden tilgende Kraft der Taufe rein und unbefleckt vor Gott treten konnte, so ging es nun darum, sich möglichst früh taufen zu lassen. Denn es wäre – die Heilsnotwendigkeit der Taufe vorausgesetzt – ja verheerend gewesen, im Bann der Erbsünde zu sterben.
Ich könnte den Taufeltern jetzt auch noch die These des Münsteraner Theologieprofessors Grethlein erläutern, ratterten mir die Gedanken weiter durch den Kopf. Er spricht von einer 2000jährigen Marginalisierung und Entleerung der Taufe. Ursprünglich gehörten unlöslich zusammen: Taufe und Katechese, Taufe und Geist, Taufe und Abendmahl, Taufe und Kirchenjahr. Sprich: Niemand wurde getauft, ohne vorher im Glauben unterwiesen zu sein – Katechese. Taufe war immer eine Taufe mit Wasser und Geist. Nach der Wassertaufe wurde vom Bischof die Hand aufgelegt und Gottes Geist erbeten. Die Täuflinge empfingen bis ins 12 Jahrhundert hinein unmittelbar nach der Taufe selbstverständlich das Abendmahl. Auch die Säuglinge. Schließlich waren Tauftermine vorzüglich die Osternacht, aber auch Pfingsten und Epiphanias, teilweise Weihnachten.
Heute – so Grethlein – seien all diese engen Zusammenhänge auseinander gerissen oder ganz aufgelöst. Die Katechese wird vielleicht noch im Konfirmandenunterricht nachgeholt. Was aber ist mit denen, die sich nicht konfirmieren lassen? Heutige Erwachsenenkatechese verdient oft den Namen nicht. Der Geistempfang wurde, da er an die Handauflegung des Bischofs gekoppelt war, von der Taufe gelöst und entwickelte sich zur Firmung, die bis zu 20 Jahre später stattfand und bald als das wichtigere Sakrament angesehen wurde. Taufen konnte schließlich jeder Allerweltspriester, firmen aber nur der Bischof. Das Abendmahl wurde, Folge einer zunehmend aufs Verstehen statt aufs Erleben bedachten Theologie, Säuglingen verweigert. Schließlich ging der kirchengeschichtliche Sitz im Leben der Taufen verloren, sie wurden privatisiert, wie in der Aufklärung, als sie vor allem in Häusern stattfand, oder als Bestandteil des Vereins Kirchengemeinde vereinnahmt, indem sie zu einem Einschub von wenigen Minuten im Gemeindegottesdienst verkümmerten. Vorbei die großen, eigenständigen Taufgottesdienste in der Osternacht und zu anderen geeigneten Zeiten des Kirchenjahres. Diese Thesen des Münsteraner Professors fand ich spontan einleuchtend, wenngleich sie mir auch einen leichten Schauer über den Rücken jagten,
als ich sie erstmals hörte. Was ist aus dem Sakrament der Taufe geworden?
Ja, was ist eigentlich aus ihm geworden?
Während ich all dies in Sekundenschnelle überlegte, und es natürlich verwarf,
die glücklichen Eltern mit kirchenhistorischen und dogmatischen Details zu
langweilen, kam mir die Idee, genau diese Frage jetzt zu stellen: „Wie könntest Ihr Euch denn eine schöne Taufe für Nick vorstellen? Bzw. vorweg gefragt: Warum möchtet ihr Nick überhaupt taufen lassen?“ Anders als befürchtet – weshalb ich diese Frage in Taufgesprächen früher auch oft wegließ – waren die Eltern um Antworten keineswegs verlegen: „Wir tun das nicht nur, weil es so dazu gehört“ begann die Mutter, „von den Eltern spüre ich in unserem Fall keine Erwartungshaltung. Ich finde den Brauch einfach schön. Ich glaube auch an Gott und möchte, dass mein Kind seinen Segen bekommt. „Wie soll ich sagen, ich weiß ja, Gott schützt nicht grenzenlos. Der Glaube auch nicht.“ Aber gerade an Nick ist mir wieder bewusst geworden: Leben ist nicht selbstverständlich. Auch nicht: am Leben bleiben. Klar kann die Taufe das auch nicht garantieren. „Aber in dem Moment, wo was passiert, hält man sich trotzdem an dem Glauben fest… Ich halt mich dann trotzdem an dem Glauben fest. Denn nur so geht’s ja dann weiter.“ – „Also für mich ist die Taufe vor allem Ausdruck der Freude über das neugeborene Kind“, ergänzte der Taufvater. „Dass man dann den Eltern gratuliert, das hat auch was mit Wertschätzung der Familie zu tun. Es führt die Familien zusammen. Machen wir uns doch nichts vor. Viele heiraten nicht mehr, da ist die Taufe möglicherweise das erste Mal, dass die Familien zusammengeführt werden und sich kennen lernen. Sozialer Kitt, verstehst du, ich finde das total wichtig. Die Taufe ist ein Familienfest am Anfang des Lebens.“ – „Und dass man dadurch lauter kleine künftige Kirchensteuerzahler produziert, nimmt man
in Kauf, oder was?“ warf ich ein. „Man muss halt rechtzeitig wieder austreten“,
kam es schlagfertig zurück. „Quatsch, nun guck nicht so entgeistert.“ – meine
Züge müssen mir kurzzeitig entglitten sein, „Das war ein Spaß. Unser Nick
wächst in einer christlichen Gesellschaft auf. Das soll er auch und das wollen
wir. Er soll einmal Pate werden und christlich heiraten können, er soll die christlichen Traditionen und Werte kennen lernen. Außerdem wird und soll er später sowieso selbst entscheiden.“ – „Ich hab trotzdem noch einmal eine Frage“, wandte sich jetzt die Taufmutter an mich. „Diese Fülle von Riten, die die Taufe als Neuanfang umschreiben, das mit dem Tod und Sterben und Wiedergeboren werden, du weißt schon, das macht mich doch nachdenklich. Wenn die Bibel und die Kirche diese Seite so stark betonte, ist es dann vielleicht auch heute besser, seine Kinder gar nicht zu taufen, sondern tatsächlich zu warten, bis sie sich selbst entscheiden können?“– „Die Kindertaufe als Irrtum der Kirchengeschichte! der Philosoph liebte steile Formulierungen. „Das haben manche tatsächlich so gesehen. Zu Luthers Zeit gab es eine Täuferbewegung, die die Kindertaufe nicht anerkannte. Da sie sich als Erwachsene erneut taufen ließen, wurden sie auch Wiedertäufer genannt. Mennoniten und Baptisten stehen in dieser Tradition. Auch ein großer reformierter Theologe der Neuzeit, ihr werdet ich nicht kennen, Karl Barth – er hat mehrere Meter Theologie produziert – hat sich gegen die Kindertaufe ausgesprochen. Diese Tradition kann sich auf die Bibel berufen,
denn da ist tatsächlich nicht von Kindertaufen die Rede. Wie sollte es auch. Damals gab es keine Christen, ich sagte es eingangs schon. Jede Taufe war
Missionstaufe. Darum steht auch der berühmte Taufbefehl im Kontext eines
Aufrufes zur Mission. „Gehet hin in alle Welt und taufet alle Völker im Namen
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Ich hoffe, dass das jetzt nicht zu weit führt, aber es geht hier auch ums Bibelverständnis. Das Neue Testament spiegelt die Anfangssituation der Christenheit. Sie ist damit auf klare geschichtliche Situationen bezogen. Das ist typisch jüdisch-christliche Tradition. Keine Allerweltsweisheiten, keine allgemeinen Richtigkeiten oder – Entschuldigung! – philosophische Grundsätze produzieren, sondern in geschichtliche, zeitbezogene Gegebenheiten hinein sprechen. Als Gott zu Adam und Eva sprach: Seid fruchtbar und mehret euch, waren die beiden die einzigen Menschen auf Erden. Ein sinnvoller Auftrag. Heute, im Zeitalter drohender Überbevölkerung hätte Gott den beiden vermutlich gesagt: Seid fruchtbar und mehrt euch in Maßen.“
– „Jetzt hast du aber weit ausgeholt und was hat das mit der Taufe zu
tun?“ – „Nun, auch der Missionsbefehl ist in eine Situation hinein gesprochen,
in der es ungefähr zwölf Christen gab. Ein paar Jahrhunderte später, als die Gesellschaft in manchen Regionen durch und durch christlich war, lief der Missionsbefehl zumindest innerhalb dieser Gesellschaft ins Leere. Es wäre aber unnatürlich gewesen, das, was man als unverwechselbares Marken- und Startzeichen des Christentums angesehen hat, die Taufe, den eigenen Kindern vorzuenthalten Es war klar, dass auch sie Christen werden würden. Jesus hätte den Missionsbefehl in dieser Situation vielleicht so formuliert: „Bleibt in dem, was ihr im Glauben erkannt habt. Tauft eure Kinder in meinem Namen und lehrt auch sie halten, was ich euch befohlen habe.“ Ich finde es selbstverständlich, dass man seinen Kindern das mitgibt, was man selbst für richtig hält. Das tut man durch seine ganze Erziehung. Warum soll der religiöse Bereich davon ausgenommen sein?
Ich kann sie religiös gar nicht im luftleeren Raum erziehen. Religion ist so elementar wie Muttersprache. Sage ich etwa da: Mein Kind soll einmal selber entscheiden, welche Sprache es spricht? Ich müsste schweigen, und mein Kind
würde gar keine Sprache lernen. Das ist unmöglich. So gebe ich meine Muttersprache weiter und eröffne dem Kind dadurch die Möglichkeit, wenn es will, später auch weitere Sprachen zu lernen.“ – „Das ist ein schöner Vergleich“. Die Taufmutter fühlte sich wieder bestärkt in ihrem Taufwunsch.
„Also, ich muss meine Gedanken jetzt erst einmal sortieren“, sagte der Philosoph-Taufvater. „Ich spiegle dir jetzt einmal wieder, was ich verstanden habe.
Erstens: Taufe ist Initiation, Aufnahme in die Gemeinschaft der Christen.
Zweitens: Taufe ist ein Übergang von Altem zu Neuem, von Böse zu Gut, wobei du uns noch die Antwort schuldig bist, wie das bei Kleinkindern funktionieren soll. Die Deutung der Taufe aus der Situation der Erwachsenentaufe hin zur Kindertaufe scheint ja innerkirchlich nicht recht gelungen zu sein.
Drittens: Taufe hat was mit dem Heiligen Geist zu tun, was immer ihr darunter versteht.
Viertens: Taufe ist Glaubensbekenntnis.
Fünftens, eher als Frage: Ist Taufe auch ein Schutzritus?
Und Sechstens, das lasse ich mir nicht nehmen: Taufe ist Familienfest!“
„Taufe hat tatsächlich viele Nuancen und birgt viele Deutungsmöglichkeiten.
Vielleicht ist sie deshalb so attraktiv. Die Taufbereitschaft der Menschen ist in
den letzten Jahren allen Säkularisierungs- und Entkirchlungstendenzen zum
Trotz immer weiter gestiegen. Und ich möchte diesen Reichtum an Facetten
auch gar nicht krampfhaft reduzieren. Dennoch habe ich mich gefragt: Was ist
der Kern dieses Sakraments, der gleichermaßen für Kinder und Erwachsene gültig ist? Meine persönliche Antwort: Die Taufe ist das Gütesiegel Gottes für den Menschen.“ – „Das glaub ich jetzt nicht“, entfuhr es dem Taufvater, „das ist nicht dein Ernst. Fällt dir in deinem Qualitätszentrum jetzt gar nichts mehr anderes ein? Selbst die heiligen kirchlichen Sakramente – ich mein, mir kann´s ja egal sein – mit so schnöder wirtschaftlicher Begrifflichkeit zu belegen? Gottes Gütesiegel für den Menschen. Der Mensch, geprüft und freigegeben von Gott, zertifiziert nach den 10 Geboten, garantiert sündenfr-… Was guckt du so?“ Ich fand das gar nicht lustig. „Was du offensichtlich nicht weißt, mein Lieber“, sagte ich säuerlich, „ist, dass die Begriffe „Güte“ und „Siegel“ beide eminent theologische Begriffe sind, die immer schon mit der Taufe verbunden wurden. Die Frage ist also, wer von wem abkupfert. Wenn ihr in eurer Unternehmensberatung von Mission oder Vision sprecht, dann überlegt euch einmal, woher diese Begriffe stammen. Aber zurück zur Taufe. Güte ist für mich der Inbegriff Gottes, seine den Menschen zugewandte Seite. Güte ist ein Beziehungsbegriff. Keiner kann für sich allein gut oder gütig sein. Das geht nur in Bezug auf Andere. Das gilt für Gott genauso wie für Menschen. Güte – die den Menschen zugewandte Seite Gottes.
Um nichts anderes geht es in der Taufe: um Beziehung. Um die Beziehung zwischen Gott und Mensch und um die Beziehung zwischen Menschen untereinander. Die Taufe ist Zeichen, Hoffnung, Ausdruck, ja: Vorleistung dessen, dass diese Beziehungen von Güte getragen sind bzw. sein sollen. Im Blick auf die Beziehung der Menschen untereinander ist die Taufe Ansporn, selbst gütig zu sein. Im Blick auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist die Taufe ist in Wasser und Geist gefasster Glaube. In der Taufe wird der Mensch Gottes Kind. In der Taufe wird er an Gottes Kraft angeschlossen. In der Taufe wird die potentielle Gottvergessenheit des Menschen – so übersetze ich die Erbsünde – überwunden.“
– „Moment, Moment“, die Taufmutter hatte Nick ihrem Mann auf den Arm gedrückt, „ bevor du dich in schönen Worten verlierst. Wenn Taufe Ausdruck
von Glaube ist, wozu braucht es sie dann noch? Kann ich nicht auch ohne
Taufe glauben? Wenn man durch sie Gottes Kind wird – ist man es nicht auch
ohne sie?“ – „Man könnte sicher jede Religion aller Zeichenhandlungen, Sakramente, Rituale und Bräuche entkleiden. Doch was bliebe dann übrig? Die reine Lehre wahrscheinlich. Uns Protestanten würde das vermutlich sogar noch gefallen. – Ich will mal so sagen: Woher weißt du, dass dein Mann dich liebt? Mindestens wird er es dir gesagt haben. Das wäre sozusagen auch nur die reine Lehre. Wäre doch schade, wenn es nur dabei geblieben wäre, oder? Ihr habt geheiratet. Ihr könntet auch ohne das zusammen sein, sicher. Aber war eure Hochzeit deshalb bloß ein leeres Ritual, eine Äußerlichkeit. Hat sie nicht auch etwas in euch bewirkt? So ähnlich ist Taufe eine sehr individuelle, persönliche Handlung, der Anfang einer Beziehung. Taufe sagt inmitten von dogmatischen Richtigkeiten, inmitten von Sinnsuche und Glaubensringen, inmitten von Zweifeln: Du bist gemeint.“ – „Das ist jetzt aber wieder stark vom Erwachsenen her gedacht.“ – „Im Fall der Kindertaufe heißt das: Ich war von Anfang an gemeint und bin es jetzt noch. Die Kindertaufe macht den Aspekt der Vorleistung Gottes besonders stark. Ein typisch christlicher Gedanke. Du kannst Güte nicht einklagen, du kannst sie dir nicht verdienen, du kannst sie nicht aushandeln. Als Erwachsener auf seine Taufe zurückblickend heißt das: Ich komme von Gott her.
Ich bin von Anfang an in den Raum seiner Güte gestellt. Es geht nicht um meine jeweiligen Befindlichkeiten, mein moralisch vorbildliches Leben oder die Stärke oder Schwäche meines Glaubens. Kein Mensch kann sich selbst taufen. Ich bin Gottes Kind. Leben, Liebe und Wertschätzung sind mir geschenkt. Dazu passt dann übrigens auch der Schutzgedanke, natürlich nicht magisch-objektiv, aber gefühlt sozusagen: Als Kind Gottes glaube ich auch an seine Fürsorge, Begleitung und Stärkung.“ – „Gute Predigt. Amen.“ – „Ja, Entschuldigung, das geht manchmal mit mir durch.“ – „Und warum Siegel?“ – „Zum einen ist die Taufe ebendies Siegel der Gotteskindschaft, das Gott uns einprägt.“ – „Es ist eher ein Wasserzeichen“. – „Meinetwegen. Wasserzeichen machen selbst im menschlichen Bereich Dokumente besonders wertvoll. Die Bibel sagt aber: „In Christus seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist (Eph 1, 13)“. – Zum anderen verlangt die Kindertaufe auch nach einer Antwort. In der derzeitigen Tradition wird diese durch Konfirmation oder Firmung gegeben. Der Mensch besiegelt seinerseits den Bund mit Gott. Durch Bekenntnis und durch seine Lebensführung.“ – „Womit wir endlich bei der Sünde wären.“ – „Ja, bei der Sünde und nicht bei irgendwelchen schlechten Taten. Sünde ist abgebrochene Gottesbeziehung. Auch ein Getaufter wird solche Beziehungsrisse zu Gott immer wieder durchleben. Aber im Gegensatz zu einem Ungetauften kann er sich daran erinnern und damit trösten, dass einmal eine Basis dieser Beziehung gelegt wurde. Eine Beziehung, die sich immer wieder aktivieren lässt, gerade weil sie nicht auf der eigenen moralischen Integrität beruht, sondern auf Gottes Vorleistung. Paulus würde sagen: Die Sünde ist zwar noch da, aber ihre Macht ist gebrochen.“
Nick fing an zu schreien. „Das war jetzt viel Stoff“, sagte der Taufvater. „Ich
stelle fest: Taufe ist ein historisch gewachsenes, unter Experten kontrovers diskutiertes, im öffentlichen Bewusstsein laienhaft verstandenes gesellschaftlich verankertes Konstrukt, das sich durch den Morast wortgewaltiger Uneindeutigkeit bewegt.“ – „Äh, -- ist - das - jetzt - dein – Fazit - unseres - Gesprächs?“ – „Nicht nur, mir ist auch deutlich geworden, dass die Taufe für einen Gläubigen viel mehr sein kann als ein Familienfest am Anfang des Lebens. Ein lebenslanges Geschenk, also wie ein Bankkonto, von dem man immer etwas abheben kann.“ – „Na ja, jeder sucht die Vergleiche eben aus seiner Lebenswirklichkeit.“
– „Genau, aber Taufe ist auch eine bleibende Aufgabe, habe ich verstanden, eine Art moralische Verpflichtung. – Als Unternehmensberater würde ich allerdings sagen: Das vermarktet ihr noch nicht gut genug. Taufe ist was Süßes, Kindliches, potentiell Folgenloses, netter Brauch am Lebensanfang, Blumenkranz ums Taufbecken, Baby-Wellness und Elternstolz.“ – „Das ist der Punkt.
Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. U.a. aus diesem Grunde hat die Evangelische Kirche in Deutschland das Jahr 2011 zum Jahr der Taufe ausgerufen.
Nicht, damit möglichst viele Leute sich in diesem Jahr taufen lassen, sondern
um das Nachdenken darüber anzuregen und zu stärken, wie die Taufe, unser
Grundsakrament, auch im Leben weiter Bedeutung finden kann. Ich bin dir
dankbar, dass du das gesagt hast. Ich muss einen Vortrag über Taufe in Barth halten, da werd ich das brühwarm weitererzählen.“

