Die Bibel im Jahr der Taufe
Texte aus dem Neuen Testament
Taufe – wichtigste Nebensache
Der Sonntag Quasimodogeniti erinnert mit seinem klangvollen Namen an einen schönen Brauch aus der Zeit der alten Kirche: Diejenigen, die in der Osternacht getauft worden waren, legten an diesem Tag ihre weißen Taufgewänder nach einer Woche sichtbarer Festfreude ab und traten nun „wie die neu geborenen Kinder“ wieder in ihren Alltag ein. Deshalb hat es seinen guten Grund, ein Jahr der Taufe gerade an diesem Sonntag zu beginnen. Bei allen Struktur- und Fusionsdebatten richtet sich der Blick dabei auf die Grundlagen dessen, was christliche Existenz bedeutet. Die Taufe erscheint als ein Ritus, in dem sich Vieles bündelt. Vor allem ist sie mit sehr persönlichen, biographisch bunten Geschichten verbunden. Auch das Neue Testament enthält dazu eine
ganze Reihe wichtiger Texte.
Von Anfang an wird die Taufe in der frühen Christenheit mit großer Selbstverständlichkeit praktiziert. Wie aus dem Nichts taucht sie auf und verbindet die christlichen Gemeinden zwischen Palästina, Syrien, Kleinasien, Griechenland und Rom miteinander. Über ihre Einsetzung erfahren wir nichts. Auch die Form ihres Vollzuges tritt in den Taufepisoden der Apostelgeschichte nur in Umrissen zu Tage. Sicher hat das Vorbild der Johannestaufe eine wichtige Rolle gespielt, der sich nach dem übereinstimmenden Bericht der Evangelisten auch Jesus selbst unterzogen hat. Das gewichtige Wort des Auferstandenen am Schluss des Matthäusevangeliums hat die Bedeutung der Taufe noch einmal kräftig unterstrichen. Die Details aber bleiben weitgehend im Dunkeln.
Paulus, der als der älteste Autor des Neuen Testaments noch am engsten mit den Anfängen vertraut ist, äußert sich erstaunlich zurückhaltend. Gegenüber den Christen in Korinth schreibt er kurz und bündig: „Christus hat mich nicht gesandt, um zu taufen – sondern um das Evangelium zu verkündigen!“ (1. Kor 1,17) Gehört beides denn nicht zusammen? Paulus muss hier wieder einmal gegen eine Fehlentwicklung Position beziehen. In Korinth sind Gruppen entstanden, die sich an ihre jeweiligen Täufer anschließen. Die Taufe mit ihrem persönlich-emotionalen Potential wird offensichtlich für gegensätzliche Interessen instrumentalisiert. Genau deshalb hält Paulus den Korinthern entgegen: „Ich danke Gott, dass ich niemanden von euch getauft habe – außer Krispus und Gajus –, damit niemand sagen kann, er sei auf meinen Namen getauft!“ (1. Kor 1,14-15) Die Taufe ist nicht das Ziel, sondern die Konsequenz seiner Verkündigung, und der auferstandene Christus fungiert als der einzige Akteur des Taufgeschehens. Übrigens fällt Paulus dann doch noch ein „Taufkind“ ein – nämlich Stephanas und sein Haus –, aber aufs Ganze gesehen bleibt sein praktisches Engagement in Sachen Taufe sehr überschaubar.
Es wäre jedoch ein Trugschluss, daraus ein theologisches Desinteresse des Paulus am Geschehen der Taufe abzuleiten. Denn die einzige theologische Reflexion über die Taufe im Neuen Testament stammt ebenfalls aus seiner Feder – in seinem Brief an die Gemeinde in Rom (6,3-8). Hier hat Paulus die Taufe in sein Nachdenken über Gottes Gerechtigkeit und den Status des Menschen vor Gott eingebunden. Für ihn ist Taufe demnach kein Thema von Strategie und Taktik. Vielmehr stellt er sie als jenen Punkt dar, an dem das „Christusereignis“ (Tod und Auferstehung) konkrete Gestalt annimmt. So könnte man formulieren: Paulus betrachtet die Taufe als die wichtigste Nebensache seiner Verkündigung. Bei dieser Linie sind auch die übrigen Autoren des Neuen Testaments geblieben.
Prof. Dr. Christfried Böttrich, Greifswald
