Eine klassische Streitfrage: Säuglingstaufe – ja oder nein? (1. Kor 7,14)

Hat die frühe Christenheit kleine Kinder getauft? Diese Frage richtete sich an das Neue Testament, als im Gefolge der Tauflehre Karl Barths in den 50er und 60er Jahren des 20. Jhs der Streit um die Säuglingstaufe entbrannte. Eine Antwort fällt nicht leicht, denn die Argumente pro und contra halten einander etwa die Waage.

 

In der Formel „xy ließ sich taufen mit seinem ganzen Haus“ (1 Kor 1,16; Apg 16,15; 16,33 u.ö.) oder in der Parallelisierung von Taufe und Beschneidung (Kol 2,11-13) könnte eine solche Praxis z. B. anklingen. Eindeutig ist das jedoch nicht. Und nach dem, was Paulus in 1 Kor 7,14 schreibt, sind zumindest die in christlichen Familien geborenen Kinder nicht getauft worden.

 

Paulus kommt auf diese Frage in einem ganz konkreten Fall zu sprechen: Sollen sich Ehepartner trennen, wenn nur einer zum christlichen Glauben findet (1 Kor 7, 12-16)?

 

Nein, sagt Paulus – falls beide darin für ihr Zusammenleben kein Hindernis erkennen. Seine Begründung ist bemerkenswert: „Denn der ungläubige Mann ist geheiligt durch die Frau, und die ungläubige Frau ist geheiligt durch den gläubigen Mann.“ Wie kommt Paulus zu dieser Auffassung? Er argumentiert: „Sonst wären eure Kinder unrein – nun aber sind sie heilig.“ Hinsichtlich der Kinder kann er sich also offensichtlich auf einen Konsens berufen. Und was für sie unstrittig ist, lässt sich dann auch auf die Ehepartner anwenden.

 

Allerdings steht diese Praxis unter dem Vorbehalt einer gespannten Naherwartung, von der das ganze Kapitel 7 durchdrungen ist. Die Zeit ist kurz, der Kyrios kommt bald – deshalb lohnt es nicht, überhaupt noch zu heiraten! Um wie viel weniger muß man sich dann aber Sorgen um die Taufe christlich geborener Kinder machen! Schon in der nächsten Generation kann diese Argumentation jedoch nicht mehr genügen. Jetzt geht es vielmehr darum, die Glaubenstradition zu sichern und weiterzugeben.

 

Immerhin mahnt uns der Rat des Paulus auch heute noch zur Gelassenheit, wenn es etwa um die Frage von Nottaufen geht. Weil Kinder in die „Heiligkeit“ ihrer Eltern einbezogen sind, müssen sie deshalb jedoch nicht von der in der Taufe begründeten Christuszugehörigkeit ausgeschlossen werden. Das lehrt die Geschichte von der Segnung der Kinder durch Jesus (Mk 10,13-16). Definitiv geht es darin nicht um

die Taufe, sondern um eine neue Wahrnehmung von Kindern überhaupt. Sind sie allein durch ihre Defizite gegenüber den Erwachsenen charakterisiert, oder haben auch Kinder bereits ihren Eigenwert?

 

Ist z. B. die „Gottesherrschaft“ schon etwas für sie? Die Antwort Jesu lautet eindeutig Ja – gegen den Protest seiner Schüler. Doch wenn kleine Kinder voll und ganz in die „Gottesherrschaft“ integriert sind, was hindert sie dann, in die Gemeinschaft des „Leibes Christi“ integriert zu werden, der sich aus denen konstituiert, die durch die Taufe zu Christus gehören?

 

Das „Kinderevangelium“ behauptet zu Recht seinen Platz in unseren Taufagenden. Säuglings- und Erwachsenentaufe sind zwei gleichberechtigte Formen der Taufe, deren Wahl von der konkreten Lebenssituation abhängt, die jedoch beide auf den gleichen theologischen Voraussetzungen beruhen.

 

Prof. Dr. Christfried Böttrich, Greifswald

Aus: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung