Die Taufe: Übergangsritus & Sakrament

 

Zum „Jahr der Taufe“ von Martin Brückner

 

 

Etwas, das im Leben des Menschen wichtig ist, sind die Übergänge von einer Lebensstufe zur anderen. Diese Übergänge werden mit Hilfe von bestimmten Riten begangen, den sogenannten Übergangsriten. Dazu gehört auch die christliche Taufe. Doch sie ist noch etwas anderes.

 

Geburt, Namensgebung, Einweihung, Erwachsenwerden, Hochzeit, Krankheit und Genesung, Antritt und Ende einer größeren Reise, Kriegsausbruch und Friedensschluss, Tod und Begräbnis – das alles sind entscheidende Übergänge im Leben. Diese Ereignisse, so schreibt der Religionswissenschaftler van de Leeuw, sind „Berührungspunkte von Macht und Leben und müssen daher nicht bloß erlebt und dann erinnert, sondern begangen werden. In den Riten des Übergangs wendet sich das von der Macht berührte Leben der Macht zu.“

Der Religionswissenschaftler sieht darum die entscheidenden, gewichtigen Inhalte des Lebens nicht in den Erlebnissen und Events, sondern in den Begehungen. In ihnen wird dem Leben Lebensmacht zugeführt.

 

Geburt als religiöses Datum

Die erste Stufe des Lebens und darum die erste große Begehung ist die der Geburt. Vordergründig meint man, die Geburt sei ein einmaliges Ereignis. Aber das täuscht. Die Geburt ist vielmehr ein Eingang ins Leben entlang eines Weges. Eine neue Macht tritt ins Leben ein: diese Macht kann befördert, aufgehalten und sogar hintertrieben werden.

Schauen wir einmal, welch wundersame Riten und befremdende Vorstellungen es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat: „In China heißt die Geburtsbegehung der ‚Durchgang durch die Pforte‘. Eine Bambuspforte wird zunächst in die Mitte, dann in jede der vier Ecken des Zimmers aufgestellt; der Taopriester, der Vater und die Kinder schreiten hindurch.

Je nach den Familien wird diese Zeremonie jedes Jahr, jedes dritte oder sechste Jahr wiederholt bis zum Ritus des ‚Aufhörens der Kindheit‘; sie wird aber auch vorgenommen, wenn das Kind krank ist, sogar mehrere Male im Jahr oder im Monat.

 

Verbindung zur Lebensmacht

Die Begehung soll die Berührung von Macht und Leben sichern; regelmäßige Machtzufuhr ist notwendig, bei schwindender Macht müssen die Begehungen öfter wiederholt werden… Findet keine Begehung statt, so wird die Geburt nicht definitiv, nicht Ereignis.

Die Zentralaustralier glauben, dass ein Kind, das sofort nach der Geburt getötet wird, nachher wieder von derselben Frau geboren werden kann. Kindesmord ist somit kein Mord, sondern einfaches Zurückschicken des nicht zur Macht zugelassenen Lebens.

Geboren‘ ist man erst, wenn die Riten alle vollzogen sind. Gleich nach dem Zur-Welt-kommen ist man nur ‚sehr wenig geboren‘; was geschehen ist, hat so wenig Macht, dass es leicht rückgängig gemacht werden kann.“

 

„Taufen“ mit Feuer und Erde

Die Riten, die Geburt zu begehen, sind von mancherlei Art. Bei den so genannten primitiven Völkern wurde die „Taufe“ dadurch begangen, dass Feuer umschritten wurde. Oder mit Erde wurde getauft. Bei den alten Römern legte man das Neugeborene auf die Erde. Das Kind wurde mit der Erde in Berührung gebracht. In der Zeit des Nazi-Regimes nahmen in Deutschland manche Pfarrer, die zu den so genannten „Deutschen Christen“ gehörten, statt Wasser eine Handvoll „deutscher Erde“ und „tauften“ damit den Täufling. Eine solche „Taufe“ war für die Kirche nach dem Krieg ungültig.

Die Taufe ist aber nicht nur eine Begehung, sondern ein Sakrament. Dem Täufling wird nicht nur Lebensmacht, sondern Gottesmacht von Gott selbst her und vor allem durch Gott selbst zugeführt.

 

Die Taufe ist aber nicht nur eine Begehung einer Lebensschwelle, sondern ein Sakrament. Dem Täufling wird nicht nur Lebensmacht, sondern Gottesmacht von Gott selbst her und vor allem durch Gott selbst zugeführt. Was zunächst erkennbar und hörbar bei der Taufe geschieht, ist, dass der Täufling einen Namen erhält. „Das Los der ungetauft verstorbenen Kinder ist traurig, weil sie keinen Namen haben. Sie gehören eigentlich nirgends hin: sie können nicht recht zur Existenz kommen, weder hier noch dort.“ (Leeuw)

 

Darum ranken sich viele Legenden: So sieht ein Tiroler Bauer in einer der zwölf Nächte zwischen Weihnachten und Epiphanias, wie ein Tross ungetaufter Kinder vorübergeht. „Das letzte Kind in der Reihe tritt immer in sein zu langes Hemdchen und kann nicht recht mitkommen. Da ruft der Bauer: ‚Huderwachtl‘ hintennach. ‚Geh her, ich will dir dein Kleidlein aufbinden.‘ Das Kind aber spricht: ‚Jetzt dank ich dir, jetzt hab‘ ich einen Namen‘ und verschwindet.“

 

Sichtbar in der Taufe geschieht die Reinigung. Die Taufe ist eine Abwaschung der Sünden. Aber sie ist nicht bloß eine Reinigung von Schmutz und Sünde, nicht bloß ein Entzug unreiner Macht und eine Zufuhr heiligreiner Macht, – insoweit wäre sie nur Übergangsritus. Die Taufe ist aber vielmehr das „Bad der Wiedergeburt“ (Tit 3,5), eine Geburt aus „Wasser und Geist“ (Joh 3,5), deren Typus die Überschwemmung der Sintflut ist (1. Petr. 3,20f).

 

Die Taufe wäscht die Sünden ab; sie ist – zumindest für die Alte Kirche und bis in die Anfänge der Neuzeit hinein – eng verbunden mit der Austreibung des Teufels (Exorzismus); sie stiftet im Menschen eine neue Kraft. Aber ihr eigentliches Wesen liegt doch in der Wiedergeburt: der Getaufte ist ein neuer Mensch geworden. Die Taufe bewirkt, wie im Falle der Jordantaufe die Gottessohnschaft bzw. die Gottestochterschaft.

 

In der Taufe wirkt die Gnade Gottes: die Taufe ist ein Mysterium, ein Sakrament. Wo die Reinigung Sakrament ist, ist nicht länger die Begehung Hauptsache, sondern die in ihr wirkende Macht, die Gnade Gottes. Da wird das Wasser Wein, ja Blut; die vergebliche Waschung eine neue Geburt. Nirgends ist das schöner ausgedrückt als im Epiphanienhymnus Luthers:

 

Da wollt er stiften uns ein Bad,

zu waschen uns von Sünden,

ersäufen auch den bittern Tod

durch sein selbst Blut

und Wunden,

es galt ein neues Leben.

 

Das Aug allein das Wasser sieht,

wie Menschen Wasser gießen.

Der Glaub im Geist

die Kraft versteht

des Blutes Jesu Christi.

 

In der christlichen Taufe „sind Wasserbad und menschliche Begehung mit der Kraft Christi und der Tat Gottes unlöslich verbunden.“ (Leeuw)

 

Der Autor ist promovierter Theologe und Pastor in Wismar-Wendorf.