Wiedergeburt für die Ewigkeit
Zum Jahr der Taufe von Dr. Martin Brückner
Der Mysterien-Kult, der in der Zeit des Urchristentums und der Alten Kirche am bedeutendsten und am weitesten verbreitet war, ist der Kult der Kybele und ihres Genossen Attis. Kybele ist eine Muttergottheit, ihr Partner Attis ist Sohn und Geliebter zugleich.
Das Entscheidende im Mythos für den Mysterien-Kult ist, dass Attis getötet wird. Nach bestimmten Versionen des Mythos macht ihn die alternde Göttin wahnsinnig, als er sich in eine junge Nymphe verliebt, so dass er sich selbst entmannt. Er wird in eine Pinie verwandelt, und ist damit also ein Pflanzengott, der das Wunder von Sterben und Auferstehen in sich trägt.
Attis ist als ein Natursymbol ein sterbender und auferstehender Gott. Das zeigt auch sein Kult, der seit 204 v.Chr. in Rom mit dem der Kybele eingeführt wurde, wo seitdem die wichtigsten Kultdenkmäler zu finden sind. Attis trat in den Mittelpunkt dieses Mysterien-Kultes, dessen Hauptfeiern zur Zeit der Frühlings- Tagundnachtgleiche stattfanden und die – nach Aussagen der Religionswissenschaftler – Verwandtschaft zur kirchlichen Osterfeier zeigen.
Neben den öffentlichen Zeremonien standen geheime Einzelweihen. Der Religionswissenschaftler Friedrich Heiler schreibt: „Eine ‚Taufe‘ mit dem Blute eines über der Opfergrube geschlachteten Stieres (Taurobolion) oder Widders (Kribolion) verschafft den Mysten Wiedergeburt für die Ewigkeit; ein Mahlsakrament, d.h. ein Essen und Trinken aus Tympanon (Pauke oder Trommel) und Kymbalon (Becken), den uralten kultischen Musikinstrumenten, brachte Mahlgemeinschaft mit dem Kultgott.
Die Attis-Mysterien in Verbindung mit dem Kult der großen Mutter Kybele haben viel zur Erzeugung einer religiösen Stimmung beigetragen, die der Erlösungssehnsucht des Christentums verwandt war, das Heil allerdings in gewaltsamen Äußerungen ekstatischen Überschwanges und in barbarischen Riten zu gewinnen suchte.“
Bei der „Taufe“, die in den Mysterienbund einführt, liegt der „Taufanwärter“ unter einer Art Gitter in einer Grube, über der ein Stier oder ein Widder geschlachtet wird. Der „Täufling“ soll sich dann in dem Blut des Tieres baden, er soll sein Gesicht, seine Ohren, seine Nase, seinen Mund, seine Zunge, seine Augen, seinen ganzen Körper dem Blut aussetzen und sich davon überströmen lassen.
Das junge Christentum entwickelte sich in dieser Umwelt, nach dem es im Judentum entstanden war, selbst zu einer Mysterienreligion. Das religionsgeschichtlich Neue am Christentum ist, dass die Heilandsfigur dieser Mysterienund Erlösungsreligion nicht nur auf eine mythische, archetypische Gestalt zurückgeht, sondern vor allem auf einen persönlichen Menschen, der in der menschlichen Geschichte in Fleisch und Blut real existiert hat. „Die christliche Kirche nahm in Kult und Lehre den Charakter einer Mysterienreligion an. Sie verkündete wie diese (Mysterienreligionen, M.B.) einen sterbenden und auferstehenden Erlösergott, mit welchem die Gläubigen in den Mysterien der Taufe und des Abendmahls sich vereinigten und von dem sie die Gewissheit des ewigen Lebens empfingen. Der Kultgott der Urgemeinde war jedoch nicht eine mythische Gestalt wie Osiris, Attis und Mithra, sondern eine geschichtliche Persönlichkeit, die erst vor kurzem auf dieser Erde gewandelt war.
Dieser Prozess der jungen Kirche wurde am stärksten durch Paulus vorangetrieben... Ein Neues bei Paulus war die Verbindung des eschatologischen Messianismus mit dem Mysterienkult – Tarsos, seine Heimat, war eine Stätte der Mysterienreligionen.“ (Heiler) Aus der eschatologischen Erwartung des Reiches Gottes wandelte sich das Christentum in eine heilsgeschichtliche Mysterienreligion, als dessen wichtigstes Mysterium neben der Mahlgemeinschaft die Taufe als Eingang in den Geheimbund und in das ewige Leben stand.
Aus Mecklenburgische & Pommersche Kirchenzeitung vom 27. Februar 2011
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