Den Anker geworfen und Grund gefunden

Roland Köhn ist Diplomphysiker. Der 57-Jährige arbeitet als Datenverarbeitungsorganisator in der Stadtverwaltung Demmin. Am 19. August 2007 hat er sich in der St. Bartholomäuskirche zu Demmin taufen lassen. Martin Wiesenberg sprach mit ihm:

 

Roland, du hast dich vor dreieinhalb Jahren taufen lassen. Gab es einen bestimmten Auslöser dafür oder hat sich dieser Entschluss eher kontinuierlich entwickelt?

Du hattest mich damals spontan gefragt: „Hast du schon mal daran gedacht, dich taufen zu lassen?“ Ich habe spontan geantwortet. Seitdem stand für mich der Entschluss fest.

Aus einer Zeit tiefster Niedergeschlagenheit kam bei mir ein Gedankenprozess in Gang – im Leben muss es noch etwas anderes geben. In dieser Zeit habe ich mich über das Gebet dem Glauben genähert.

Dann habe ich angefangen, unter Anleitung des Bibellesebundes die Bibel zu lesen und mir christliche Lektüre zu besorgen. Durch intensive Gespräche ist der Entschluss zu einem „JA“ zur Taufe gewachsen.

Wie war vorher dein Kontakt zur Kirche?

Seit 23 Jahren singen meine Frau und ich im Kirchenchor mit, ich bin mit einer Pfarrerstochter verheiratet, meine 2 Töchter sind getauft. Aber ich hatte eine innere Blockade gegenüber Gott und Glaube.

Ich komme aus nichtkirchlichem Hause. Für mich galt nur die materialistische Weltanschauung, es musste alles erklärbar sein. Mit 50 Jahren habe ich noch gesagt „Das brauche ich nun auch nicht mehr.“

Mit meinem Entschluss fiel auch meine innere Rebellion.

Wie hast du deine Taufe erlebt?

Ich habe einen schönen Taufgottesdienst erlebt: Mein Wunschlied war: „Ich habe nun den Grund gefunden…“ In meiner Depression suchte ich Halt und Grund. Den habe ich bei Jesus Christus gefunden.

Kantor Thomas Beck hat mir ein Orgelstück von Buxtehude zur Taufe geschenkt: „Nun bitten wir den Heilgen Geist.“ Dieses Stück hat mich sehr angesprochen – es galt mir. Meine Taufe war mein Bekenntnis. Es sollte jeder wissen.

Du hast dir den Taufspruch aus Psalm 91 ausgesucht: „Denn er hat seinen Engel befohlen, dich zu behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einem Stein stößt.“ Was bedeutet er dir?

An meinem 50. Geburtstag habe ich in einer „Elias“-Aufführung das Doppelquartett mitgesungen: „Denn er hat seinen Engeln befohlen…“. Es musste einen Sinn gehabt haben.

Ich bin behütet worden. In meiner tiefen Not habe ich gebetet, sie lehrt es tatsächlich. Ich habe viele Engel um mich gehabt, die mich wieder aufgebaut und gestärkt haben.

Was hat sich in der Entwicklung deines Glaubens seit deiner Taufe verändert?

Ich war stolz, jetzt auch dazu zu gehören. Es befreite mich regelrecht, sagen zu können: „Ja – ich bin Christ.“

Ich nehme das Gemeindeleben jetzt viel mehr wahr, gehe gerne zu den Gottesdiensten, übernehme Orgeldienste, singe im Chor mit und kümmere mich um die Online-Präsentation. Ich bin jetzt im Gemeindekirchenrat, arbeite am Gemeindebrief mit.

Durch den Anker, der für mich Jesus ist, habe ich mich konsequent von dem getrennt, was mein Leben so schwer machte. Seit gut drei Jahren haben wir keinen Fernseher mehr – keine Tageszeitung. Das heißt nicht, dass ich mich nicht gesellschaftlich interessiere. Aber ich lasse mich von den Medien nicht mehr erdrücken, selektiere bewusst.

Ich bin mehr „süchtig“ geworden nach dem heilenden Wort Gottes, lese und informiere mich sehr viel. Und lebe gelassener, strebe nicht mehr nach Perfektion, lebe mit meinen Fehlerchen, fühle mich leichter.

Die evangelischen Kirchen feiern in diesem Jahr ein besonderes Jahr der Taufe. Was sollten sie dabei beachten?

Zurzeit ist es ein Spitzenthema. Es hat leider auch mit Quote zu tun. Das stört mich.

Ich würde der Kirche raten, flexibler und beweglicher auf die sich verändernden Situationen zu reagieren, sich nicht nur auf Kirchenferne zu konzentrieren.

Die wichtigste Aufgabe ist die Verkündigungsarbeit, die inhaltliche Arbeit innerhalb der Gemeinde, damit Gemeindeglieder fähig werden, über ihren Glauben zu sprechen.

Es ist ein trauriger Prozess, dass immer weniger Seelsorger zur Verfügung stehen. Auch die Kirchenmusik spielt eine zentrale Rolle im gemeindlichen Leben. Da darf auf keinen Fall gekürzt werden.