Ein missionarischer Impuls:
Petrus im Haus des Offiziers Cornelius (Apg 10-11)
Die längste Erzähleinheit der Apostelgeschichte (Apg) hat die Begegnung zwischen Petrus und dem römischen Offizier Cornelius zum Thema. Lukas misst ihr große theologische Bedeutung bei, weshalb er die Erzählung auch mit besonderer Sorgfalt gestaltet. Der Grund ist leicht zu erkennen: Bislang bewegte sich die Verkündigung ausschließlich im Kontext Israels. Doch nun überschreitet sie zum ersten Mal die Grenzen des Gottesvolkes. Dieser Schritt vollzieht sich nicht leichten Fußes. Israel und die Völkerwelt sind in vielen Bereichen des Alltags strikt voneinander geschieden. Daran halten sich auch die Christen der Anfangszeit, die noch ganz im Mutterschoß ihrer jüdischen Gemeinden leben.
Cornelius ist zwar Römer, doch er wird vom Erzähler Lukas als ein so genannter „Gottesfürchtiger“ eingeführt. Im 1. Jahrhundert gab es eine wachsende Zahl von Nichtjuden, die sich von dem konsequenten Monotheismus und der strengen Ethik des Judentums beeindrucken ließen, am Synagogengottesdienst teilnahmen und sich zum Glauben an den einen Gott Israels bekannten. Nur vor der Beschneidung als dem letzten Akt eines förmlichen Übertritts scheuten sie zurück. Besonders für römisches Rechtsempfinden, das die Beschneidung als eine Form der Kastration bewertete, lag diese Schwelle hoch.
Cornelius verbleibt deshalb im Stande eines gottesfürchtigen Nichtisraeliten. Um beide Akteure nun zusammenzubringen, betreibt Lukas einen hohen erzählerischen Aufwand. Einander korrespondierende Visionen setzen sie in Bewegung; ihre Begegnung beginnt zunächst als vorsichtiges Abtasten. Dann aber bricht erneut die überwältigende Dynamik des Geistes Gottes in das Geschehen ein, so dass der bis zuletzt zögerliche Petrus schließlich kapituliert: „Kann etwa jemand das Wasser verweigern, so dass diese nicht getauft werden, die den heiligen Geist nicht anders empfangen haben als wir?“ (Apg 10,44) Daraufhin tauft er Cornelius und sein Haus.
Zum ersten Mal treten Nichtjudendurch die Taufe völlig gleichberechtigt in die christliche Gemeinde ein. Was Paulus im 1. Korintherbrief 12,13 und im Galaterbrief 3,28 postuliert („in Christus“ gibt es nicht mehr Jude und Grieche), wird Wirklichkeit. Damit gewinnt die Taufe eine enorme Brisanz. Sie eröffnet Nichtjuden einen Zugang zu dem Gott Israels, ohne dass sie zu Proselyten einschließlich der Beschneidung werden müssten!
Gerade von „Gottesfürchtigen“ wie Cornelius wird diese Möglichkeit dankbar ergriffen. Gleichzeitig aber kommt es zum Konflikt mit der jüdischen Muttergemeinde, die darin einen Abfall von der Tora sieht. Schon Petrus muss sich dafür nach Apg 11 vor den Jerusalemern verantworten. Doch auch die christliche Gemeinde im syrischen Antiochien hat diese Praxis bereits etabliert. Deshalb wird auf dem so genannten „Apostelkonvent“ (Lukas 15,1-34 / Galaterbrief2,1-10) hart um die Taufe ohne Beschneidungsforderung gerungen. Am Ende heißt die Entscheidung: „Keine Auflagen!“ Langfristig führte diese Form der Integration von Nichtjuden allerdings zu einer Trennung von Israel.
Der große missionarische Impuls der Taufe, der die Völker zu dem Gott Israels führen soll, verwandelt sich zum Differenzkriterium zwischen Juden und Christen. Die Überwindung dieser Trennung bleibt seither eines der Hoffnungsgüter beider Gemeinschaften.
Prof. Dr. Christfried Böttrich, Greifswald
