Eine Massentaufe: Pfingsten in Jerusalem (Apg. 2)
Die Apostelgeschichte des Lukas erzählt eine ganze Reihe von Taufepisoden – und gleich die erste hat es schon in sich! Explosionsartig wächst die Gemeinde an. Die kleine Gruppe galiläischer Jesusanhänger in der großen Stadt Jerusalem, nach Apg 12,15 ganze 120 Personen, erhält plötzlich 3000 neue Mitglieder! Natürlich ist diese Zahl nicht akribisch nachzurechnen, denn Lukas will damit lediglich den großen Anfangsschub jenes Schrittes in die Öffentlichkeit illustrieren. Aber interessanterweise ist es nun gerade die Taufe, die das Wachstum der Gemeinde sichtbar darstellt.
Lukas hat alles Gewicht auf die Wirksamkeit des Geistes gelegt. Der überraschende „Erfolg“ stellt sich nicht etwa als Lohn eifriger und geschickter Bemühungen ein. Ganz im Gegenteil. Die Gruppe der Jesusanhänger und Osterzeugen wird von Gottes Geist förmlich überrumpelt – in einer Weise, die selbst dem geschickten Erzähler Lukas die Realitäten verschwimmen lässt. Gerade noch waren alle im Obergeschoss eines Hauses versammelt, da wird der enge Raum von einem Brausen wie „vom Himmel her“ erfüllt, alle beginnen „die großen Taten Gottes“ zu verkündigen, und wie von ungefähr ist plötzlich auch ein unübersehbares Publikum zur Stelle, das teils spöttisch, teils bewundernd das ekstatische Ereignis wahrnimmt. Hör- und Sprachwunder vermischen sich – die Sprachverwirrung der Völker scheint dem Wunder der Völkerverständigung gewichen zu sein. Schließlich ergreift Petrus das Wort und hält seine berühmte Rede, in der er die Verheißung des Propheten Joel als erfüllt proklamiert.
Die Predigt des Petrus trifft auf Zustimmung: „Als sie das hörten, ging es ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und zu den übrigen Aposteln: Was sollen wir denn tun, ihr Brüder? Petrus aber antwortete ihnen: Kehrt um, und ein jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Gabe des heiligen Geistes empfangen.“ Hier klingt noch das Schema der Umkehrtaufe des Johannes nach. Neu ist jedoch das Ziel: Taufe auf den Namen Jesu Christi bedeutet Konstituierung von Christuszugehörigkeit.
An diesem Tag, so schließt Lukas, ließen sich 3000 Menschen taufen. Man sollte hier nicht fragen, wo und wie das in Jerusalem überhaupt technisch zu bewerkstelligen war, woher das viele Wasser stammte und wie viele Täufer da vonnöten gewesen wären. Lukas hat kein Interesse an solchen Details. Ihm geht es ausschließlich um die Wucht dieser Anfangserfahrung, und die Zahl verdankt sich allein der Bedeutungsperspektive.
Als Jahrhunderte später ganze Völker unter gezogenem Schwert zur Taufe in die Marne, in die Elbe oder in den Dnjepr steigen mussten – da war dies wohl sehr viel mehr durch politisches Kalkül als durch „ein Brausen wie vom Himmel her“ veranlasst. Hier formuliert die Pfingstgeschichte ihr Memento. Die Taufe ist nicht das Erfolgsrezept geschickter Verkündigung, sondern die buchstäblich überwältigende Gabe Gottes.
Prof. Dr. Christfried Böttrich, Greifswald
